Eigentlich verbinde ich nur positive Erinnerungen mit meiner Schulzeit. Ich besuchte eine einklassige Volksschule, in der man von Jahr zu Jahr eine Sitzreihe nach hinten wechselte. Der Lehrer mochte mich überhaupt nicht, aber ich tat ihm nicht den Gefallen zu schwänzen. Im Gegenteil. Niemand sonst lauschte seinen Worten so andächtig wie ich. Jedes Bröckchen Wissen saugte ich in mich hinein wie ein Schwamm. Nur wenn es an Wiederholungen und Übungen ging, dann hatte ich keine Lust mehr. Dann wandelte ich mich vom Musterschüler innerhalb von Sekunden zum Klassenrabauken. Das war der Grund, warum meine Schulleistungen nie schlechter als gut waren – abgesehen von der Note in Betragen. Dies allerdings wollte ich ungern meiner Mutter antun. Weniger das war der Grund, eher war es wohl mein Bewusstsein, dass es sich um etwas Belangloses handelte – kurzum, einmal vergaß ich die Unterschrift meiner Mutter unter dem Zeugnis. Weil ich auch Klassenarbeiten, und besonders die Unterschrift meiner Mutter darunter, auch als etwas Belangloses empfand, hatte ich schon eine gewisse Übung. Bis der Lehrer, angefangen bei den Erstklässlern in der ersten Reihe, mit dem Einsammeln der Zeugnisse zu den hinteren Bänken vorgedrungen war, war die Unterschrift sogar schon trocken. Dummerweise entschuldigte meine Mutter mich ein paar Tage später wegen eines Fehltags persönlich. Der Lehrer ergriff die Gelegenheit und lobte michob meiner Schulleistungen, begann jedoch sofort über mein Benehmen zu klagen. Überrascht fragte meine Mutter, warum er das nie erwähne. Aber es stünde doch im Zeugnis, sogar als langschriftliche Bemerkung darunter. Nein, das könne nicht sein, beharrte sie. Er blätterte im Ordner, suchte das Zeugnis hervor und zeigte es ihr. Oder ob das etwa gar nicht ihre Unterschrift sei? Dabei blitzte er mich, der ich brav hinter meiner Mutter stand, wütend an. Sie nahm das Zeugnis, las es, hielt es gegen das Licht, besah es sich von allen Seiten und sagte: „Merkwürdig. Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Ich muss da wohl sehr in Eile gewesen sein. Doch, es ist meine Unterschrift.“
Dieses Erlebnis ist es wohl, das mein Leben auf immer mit Unterschriften verband. Unterschriften sind auch heute noch das, was ich von allem auf der Welt am meisten liebe.