Archive for April, 2009

Die Schulzeit

Eigentlich verbinde ich nur positive Erinnerungen mit meiner Schulzeit. Ich besuchte eine einklassige Volksschule, in der man von Jahr zu Jahr eine Sitzreihe nach hinten wechselte. Der Lehrer mochte mich überhaupt nicht, aber ich tat ihm nicht den Gefallen zu schwänzen. Im Gegenteil. Niemand sonst lauschte seinen Worten so andächtig wie ich. Jedes Bröckchen Wissen saugte ich in mich hinein wie ein Schwamm. Nur wenn es an Wiederholungen und Übungen ging, dann hatte ich keine Lust mehr. Dann wandelte ich mich vom Musterschüler innerhalb von Sekunden zum Klassenrabauken. Das war der Grund, warum meine Schulleistungen nie schlechter als gut waren – abgesehen von der Note in Betragen. Dies allerdings wollte ich ungern meiner Mutter antun. Weniger das war der Grund, eher war es wohl mein Bewusstsein, dass es sich um etwas Belangloses handelte – kurzum, einmal vergaß ich die Unterschrift meiner Mutter unter dem Zeugnis. Weil ich auch Klassenarbeiten, und besonders die Unterschrift meiner Mutter darunter, auch als etwas Belangloses empfand, hatte ich schon eine gewisse Übung. Bis der Lehrer, angefangen bei den Erstklässlern in der ersten Reihe, mit dem Einsammeln der Zeugnisse zu den hinteren Bänken vorgedrungen war, war die Unterschrift sogar schon trocken. Dummerweise entschuldigte meine Mutter mich ein paar Tage später wegen eines Fehltags persönlich. Der Lehrer ergriff die Gelegenheit und lobte michob meiner Schulleistungen, begann jedoch sofort über mein Benehmen zu klagen. Überrascht fragte meine Mutter, warum er das nie erwähne. Aber es stünde doch im Zeugnis, sogar als langschriftliche Bemerkung darunter. Nein, das könne nicht sein, beharrte sie. Er blätterte im Ordner, suchte das Zeugnis hervor und zeigte es ihr. Oder ob das etwa gar nicht ihre Unterschrift sei? Dabei blitzte er mich, der ich brav hinter meiner Mutter stand, wütend an. Sie nahm das Zeugnis, las es, hielt es gegen das Licht, besah es sich von allen Seiten und sagte: „Merkwürdig. Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Ich muss da wohl sehr in Eile gewesen sein. Doch, es ist meine Unterschrift.“

Dieses Erlebnis ist es wohl, das mein Leben auf immer mit Unterschriften verband. Unterschriften sind auch heute noch das, was ich von allem auf der Welt am meisten liebe.

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Meine Kindheit

Die frühesten Erinnerungen an meine Kindheit sind nicht angenehm. Damals erschien mir die Hütte aus Wellblech und rohen Balken als Zuhause. Der Regen wurde abgehalten, aber nicht die frechen Einbrecher und auch nicht die unendliche Zahl von Freiern. Wir hatten, was wir brauchten. Jeder besaß einen Teller, eine Tasse, ein Glas. Genau erinnere ich mich noch an den Tag, als meine Mutter eine Tafel Schokolade in drei Teile teilte. Zwei Teile versteckte sie hinter ihrem Bett, das dritte zerbrach sie nochmals und gab mir die größere Hälfte. Ich verschlag meinen Anteil, während sie ihr Stück genoss. Als meines aufgegessen war, brach sie noch einen Brocken von ihrem Stück ab und gab ihn mir. Als ich auch dieses Stückchen gegessen hatte, war ihres ebenfalls fort. Ich murrte, wollte mehr, aber sie lehnte ab. Das, was sie zurückgelegt hatte, sei für morgen und übermorgen. Natürlich sah ich das nicht ein, brüllte und stampfte mit dem Fuß. Nein, sie gab nichts heraus. In meiner Wut schlug ich die Faust gegen den Stützbalken, dass die beiden Tassen und Teller auf dem Regal klapperten. Da packte ich den Balken und schüttelte heftig daran, bis die Tasse meiner Mutter herunterfiel und auf dem Boden zerschellte. Sie weinte.

Am nächsten Tag – sie hatte mich zur Arbeit mitgenommen – war bei unserer Rückkehr die Hütte verwüstet. All unsere unbedeutende Habe war in den Lehm getreten, zerbrochen oder gestohlen worden. Als erstes suchte meine Mutter unter ihrem Bett nach dem Anhänger, den sie als einziges Erinnerungsstück an Antonio, meinen Vater, besaß. Er war fort.

Wochen später sah sie diesen Anhänger am Hals eines Mädchens. Es war die Freundin des Halbstarken, den Nachbarn am Tage des Einbruchs neben unserer Hütte gesehen hatten. Er war bekannt dafür, auch den Ärmsten noch das wenige zu nehmen, was sie besaßen. Als Dreikäsehoch bewegte ich mich völlig unbeachtet durch die Hüttensiedlung. Jeder wusste, wo der Halbstarke wohnte, nämlich am genau entgegen gesetzten Ende des Viertels. In seiner Hütte fand ich seinen geliebten Fußball und einen Kanister mit Mopedbenzin. Es gab natürlich auch Küchenmesser. Noch immer bin ich stolz auf die Leistung, die ich als Vierjähriger dann vollbrachte. Ich schnitt ein Loch in den Fußball, füllte ihn mit Benzin, stopfte das Loch mit seiner dreckigen Unterhose zu, zündete den Stoff an und verschwand unauffällig. Noch nach Monaten sprach man von der Explosion, bei der die Hütte vollständig verbrannte.

Dummerweise breitete sich das Feuer so schnell aus, dass auch meine Mutter und ich uns ein anderes Viertel als Quartier suchen mussten.

Brief an meine Mutter Belinda

Meine geliebte Mutter Belinda,

leider kannst du den großen Erfolg deines Sohnes Christobal nun nicht mehr miterleben. Allerdings muss ich dir versichern, dass du immer um mich herum sein wirst. Als du damals als blutjunge Studentin in Rio de Janeiro ankamst, dachtest du bestimmt nicht daran, einem so bedeutenden Mann wie mir das Leben zu schenken. Arglistig wurdest du aus deinem wohlbehüteten, englischen Elternhaus in die Ferne gelockt. Ein feuriger Caballero mit leidenschaftlichen Briefen errang deine Liebe. Du packtest deine Sachen, versilbertest dein Erbe und bestiegst das Schiff in die neue Welt. Dein Geld nahm er und ließ dich gestrandet im Dschungel der fremden Großstadt zurück. Mit gebrochenem Herzen, bettelarm den brasilianischen Raubtieren ausgeliefert, fandest du doch ein sinnvolles Leben. Mein Vater Antonio las dich von der Straße auf und besorgte dir einen Job als Barmädchen – nichts Rühmliches, aber ein Lebensunterhalt. Dein liebliches Aussehen bescherte dir Mittel genug, seinen Sohn – mich – durch die schwere Zeit zu bringen, obwohl er dich nach meiner Geburt verließ – gleich nachdem er mir meinen Namen gab. Erst 13 Jahre alt war ich, als dir das dritte Mal das Herz gebrochen wurde – und dies, muss ich gestehen, tat ich. Schonungslos verließ ich dich und das winzige Heim, das du mir und meinen beiden Geschwistern unterhieltest. Mein Glück suchte ich und deines opferte ich dafür. So sind Söhne. Mutter, ich werde dich nie vergessen.

Dein Christobal

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