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Geisterhäuser

Wie kam ich dazu, mich ausgerechnet auf den Verkauf verrufener Gebäude zu spezialisieren? Nun, diese Frage wird mir oft gestellt. Es ergab sich so. Einen nicht unbedeutenden Einfluss hat dabei natürlich die unvergleichliche Villa, die ich mit meiner geliebten Familie bewohne. Als alles gerichtet war, brachte ich meine mir frisch Angetraute zu diesem schwäbischen Schmuckstück. Statt erwarteter Freudentränen schauerte sie beim ersten Anblick ihres zukünftigen Heims zusammen. Sie benahm sich seit der Hochzeitsnacht ohnehin seltsam … Da unsere Familien seit Äonen gute Beziehungen miteinander pflegen, war ich der erste Mann, der sie berührte. Anscheinend entsprach die Zeremonie unserer Verbindung nicht ihren romantischen Jungmädchenschwärmereien, weshalb sie in den Anfängen unserer Ehe eine mir unbegreifliche Distanz aufzubauen versuchte. Nun, das ist ein anderes Thema.

„Es ist hier nicht geheuer“, lautete ihr geflüsterter Kommentar zu meiner Neuerwerbung. Wenn es irgendwo in der Umgebung spukte, das ist meine feste Überzeugung, dann sicher in diesem Haus, in dem die Träume einer ganzen Generation wie eine Seifenblase zerplatzt waren, in einer tiefen Depression zu Staub zerrieben und als Gift weiterkultiviert wurden. Dabei hatte ich ihr noch gar nicht erzählt von dem in einem Kellerschacht kopfüber eingeklemmten Besatzungssoldaten, der von seinen betrunkenen Kameraden erst am nächsten Tag vermisst und am übernächsten erstickt gefunden wurde. Meinen unglücklichen Architekten, der vor Rechnungsstellung im Gartenteich von uns schied, habe ich an anderer Stelle schon erwähnt. Also schon zwei Geister, die das Recht hätten, hier zu spuken. Ob ich den Dachdecker dazuzählen darf, der erst nach Wochen an einer multiresistenten Infektion seines Schienbeinbruches starb, weiß ich nicht mit Sicherheit. Genauso wenig ist mir bekannt, was letztendlich aus den verschwundenen Erbauern des Hauses wurde. Waren sie tatsächlich geflohen, nach Uruguay, wie man vermutete? Oder hatten sie ein geheimes Versteck innerhalb der weitläufigen Mauern aufgesucht, das niemand fand? Auch nach sechzig Jahren nicht? Nun, die Handwerker haben mich auf unerklärliche Hohlräume hinter den Kellerwänden hingewiesen. Ich jedoch verbot ihnen, diese zu erforschen. Wozu auch.

Nun, Gerlinda bildet sich familienbedingt so einiges ein. Über ein selbstständiges Wesen verfügte sie nie. Ich ließ ihr einen Kleinwagen zum Haus bringen, nachdem ich sie dort nach unserer Hochzeitsreise zurückließ. Und stellen Sie sich vor, was sie mir bei meiner Heimkehr nach drei Wochen erzählte! Sage und schreibe drei Wochen, während der gesamten Zeit meiner Geschäftsreise, hatte sie sich nicht aus dem Haus getraut. Innerhalb des Hauses, so ihre Aussage, fanden in der Geisterstunde rauschende Feste von kostbar gekleideten Skeletten statt. Wegen der lauten Tanzmusik sei sie nicht in der Lage einzuschlafen. All dies sei jedoch nicht der Grund ihres elenden Zustands. Daran schuld sei allein das mit einer grauen Uniform und roter Armbinde bekleidete Skelett mit Maschinenpistole, das vor dem Eingang Posten stehe und sie jedes Mal bedrohe, sobald sie versuche, das Haus zu verlassen. Im Gegensatz zu den Orgien feiernden Skeletten im Ballsaal sei dieses besondere Wesen auch während des Tages für sie sichtbar, sogar im hellen Sonnenlicht und zur Mittagsstunde.

Damit, meine sehr verehrten Kunden, muss ich nun leben. Meine Gattin Gerlinda verlässt das Haus nicht. Nach anfänglichem Seufzen und Hadern mit meinem Schicksal bestellte ich ihr also Lebensmittellieferungen aus dem Ort, die eine Haushälterin meiner Wahl ihr zu den Mahlzeiten bereitet. Kleidung kommt aus dem Katalog oder dem Internet und alles Notwendige besorgt ihr die gute Frau aus dem Ort. Selbst die Geburt unserer beiden entzückenden Kinder fand im Haus statt.

Bis auf diesen winzigen Punkt kann ich mich keinesfalls über meine Gemahlin beschweren. Sie ist, sowie ich das Haus betrete, anhänglich wie ein Hündchen, zärtlich, anschmiegsam und unterwürfig. Kurz, sie verhält sich so, wie ich mir die ideale Gefährtin vorstelle. Keinen meiner Wünsche lässt sie unerfüllt und ist immer für mich da.

Ja, um wieder auf das Thema zu kommen: Ich liebe verrufene Gebäude. Da ich selbst in einem solchen lebe, kann ich aus tiefstem Herzen versichern, dass kein Grund zur Angst besteht. Die von meiner Gattin beschriebenen Erscheinungen haben mich noch niemals heimgesucht. Desgleichen kann ich von sämtlichen Objekten berichten, die mir im Laufe meiner Tätigkeit unter die Augen kamen. Und das waren unzählige, glauben Sie mir! Niemals gab es Belästigungen durch übernatürliche Geschehnisse. Kein Aberglaube behelligt mich. Ich arrangiere mich immer hervorragend mit den Gegebenheiten. Das ist der Grund dafür, dass ich für jedes dieser Gebäude einen passenden Käufer finde. Und auch für Sie werde ich das Passende finden. Versprochen.

Christobal J. Satànchia

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Die Schulzeit

Eigentlich verbinde ich nur positive Erinnerungen mit meiner Schulzeit. Ich besuchte eine einklassige Volksschule, in der man von Jahr zu Jahr eine Sitzreihe nach hinten wechselte. Der Lehrer mochte mich überhaupt nicht, aber ich tat ihm nicht den Gefallen zu schwänzen. Im Gegenteil. Niemand sonst lauschte seinen Worten so andächtig wie ich. Jedes Bröckchen Wissen saugte ich in mich hinein wie ein Schwamm. Nur wenn es an Wiederholungen und Übungen ging, dann hatte ich keine Lust mehr. Dann wandelte ich mich vom Musterschüler innerhalb von Sekunden zum Klassenrabauken. Das war der Grund, warum meine Schulleistungen nie schlechter als gut waren – abgesehen von der Note in Betragen. Dies allerdings wollte ich ungern meiner Mutter antun. Weniger das war der Grund, eher war es wohl mein Bewusstsein, dass es sich um etwas Belangloses handelte – kurzum, einmal vergaß ich die Unterschrift meiner Mutter unter dem Zeugnis. Weil ich auch Klassenarbeiten, und besonders die Unterschrift meiner Mutter darunter, auch als etwas Belangloses empfand, hatte ich schon eine gewisse Übung. Bis der Lehrer, angefangen bei den Erstklässlern in der ersten Reihe, mit dem Einsammeln der Zeugnisse zu den hinteren Bänken vorgedrungen war, war die Unterschrift sogar schon trocken. Dummerweise entschuldigte meine Mutter mich ein paar Tage später wegen eines Fehltags persönlich. Der Lehrer ergriff die Gelegenheit und lobte michob meiner Schulleistungen, begann jedoch sofort über mein Benehmen zu klagen. Überrascht fragte meine Mutter, warum er das nie erwähne. Aber es stünde doch im Zeugnis, sogar als langschriftliche Bemerkung darunter. Nein, das könne nicht sein, beharrte sie. Er blätterte im Ordner, suchte das Zeugnis hervor und zeigte es ihr. Oder ob das etwa gar nicht ihre Unterschrift sei? Dabei blitzte er mich, der ich brav hinter meiner Mutter stand, wütend an. Sie nahm das Zeugnis, las es, hielt es gegen das Licht, besah es sich von allen Seiten und sagte: „Merkwürdig. Daran erinnere ich mich gar nicht mehr. Ich muss da wohl sehr in Eile gewesen sein. Doch, es ist meine Unterschrift.“

Dieses Erlebnis ist es wohl, das mein Leben auf immer mit Unterschriften verband. Unterschriften sind auch heute noch das, was ich von allem auf der Welt am meisten liebe.

Meine Kindheit

Die frühesten Erinnerungen an meine Kindheit sind nicht angenehm. Damals erschien mir die Hütte aus Wellblech und rohen Balken als Zuhause. Der Regen wurde abgehalten, aber nicht die frechen Einbrecher und auch nicht die unendliche Zahl von Freiern. Wir hatten, was wir brauchten. Jeder besaß einen Teller, eine Tasse, ein Glas. Genau erinnere ich mich noch an den Tag, als meine Mutter eine Tafel Schokolade in drei Teile teilte. Zwei Teile versteckte sie hinter ihrem Bett, das dritte zerbrach sie nochmals und gab mir die größere Hälfte. Ich verschlag meinen Anteil, während sie ihr Stück genoss. Als meines aufgegessen war, brach sie noch einen Brocken von ihrem Stück ab und gab ihn mir. Als ich auch dieses Stückchen gegessen hatte, war ihres ebenfalls fort. Ich murrte, wollte mehr, aber sie lehnte ab. Das, was sie zurückgelegt hatte, sei für morgen und übermorgen. Natürlich sah ich das nicht ein, brüllte und stampfte mit dem Fuß. Nein, sie gab nichts heraus. In meiner Wut schlug ich die Faust gegen den Stützbalken, dass die beiden Tassen und Teller auf dem Regal klapperten. Da packte ich den Balken und schüttelte heftig daran, bis die Tasse meiner Mutter herunterfiel und auf dem Boden zerschellte. Sie weinte.

Am nächsten Tag – sie hatte mich zur Arbeit mitgenommen – war bei unserer Rückkehr die Hütte verwüstet. All unsere unbedeutende Habe war in den Lehm getreten, zerbrochen oder gestohlen worden. Als erstes suchte meine Mutter unter ihrem Bett nach dem Anhänger, den sie als einziges Erinnerungsstück an Antonio, meinen Vater, besaß. Er war fort.

Wochen später sah sie diesen Anhänger am Hals eines Mädchens. Es war die Freundin des Halbstarken, den Nachbarn am Tage des Einbruchs neben unserer Hütte gesehen hatten. Er war bekannt dafür, auch den Ärmsten noch das wenige zu nehmen, was sie besaßen. Als Dreikäsehoch bewegte ich mich völlig unbeachtet durch die Hüttensiedlung. Jeder wusste, wo der Halbstarke wohnte, nämlich am genau entgegen gesetzten Ende des Viertels. In seiner Hütte fand ich seinen geliebten Fußball und einen Kanister mit Mopedbenzin. Es gab natürlich auch Küchenmesser. Noch immer bin ich stolz auf die Leistung, die ich als Vierjähriger dann vollbrachte. Ich schnitt ein Loch in den Fußball, füllte ihn mit Benzin, stopfte das Loch mit seiner dreckigen Unterhose zu, zündete den Stoff an und verschwand unauffällig. Noch nach Monaten sprach man von der Explosion, bei der die Hütte vollständig verbrannte.

Dummerweise breitete sich das Feuer so schnell aus, dass auch meine Mutter und ich uns ein anderes Viertel als Quartier suchen mussten.

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